Tag 37 Kalhovd – Mitten im Nirgendwo 15 km, Montag 20. Juni

Die deutsche NPL-Läuferin mit der ich die letzten zwei Abende die Hütte geteilt habe ist schon vor mir aufgebrochen. Ich habe auf der Karte gesehen, dass parallel zum Wanderweg etwas tiefer gelegen ein Radweg am Mår-See entlang läuft, der dann in einer Fährpassage über den See ab Synken nach Marbu zu meinem heutigen Ziel führt. Da der gestrige Weg etwas strapaziös gewesen war, dachte ich mir, dass eine Bootsfahrt ja auch ganz lustig sei. Nach 5 Kilometer hätte ich wieder Gelegenheit gehabt um auf dem regulären Wanderweg einzusteigen. Obwohl mir der niedrige Pegelstand des See bedenklich erschien und es mehr als fraglich war, ob denn das Boot überhaupt fährt, wollte ich es ganz genau wissen und machte mich auf den Weg zum Bootsanleger, der ja nur 2,5 km von der Strecke abwich. Was sind schon 2,5 km auf einem Radweg? Tatsächlich traf ich dort den Eigner an, der zugleich Mechaniker und Bootsführer war. Ich fragte ihn, wann denn die Fähre heute fährt. Er hat mir bloß einen Verständnislosen Blick zugeworfen und fragte mich, ob ich hier irgendwo in dem kleinen Hafen Wasser sehe. Das Boot, an dem er am schrauben war, war übrigens die Fähre und die lag auf einem Gestell gestützt im trockenen. Der Mann meinte, dass es in den letzten 5 Jahren so wenig Schnee in der Vidda gab, dass fast alle Seen und Flüsse kaum oder wenig Wasser führten und dass die Saison für ihn schon jetzt gestorben sei. Da realisierte ich, dass ich mich in eine miese Lage gebracht hatte. Wollte ich die Hütte noch erreichen, musste ich von jetzt an Gas geben. Nächster Fehler: Um nicht die zweieinhalb Kilometer zurücklaufen zu müssen, wählte ich den Weg quer durchs trockene Seebett um im geraden Stich auf der anderen Seite den Berg hochzuwandern und dort wieder auf den richtigen Weg zu stoßen. Ich wandelte wie Moses durch ein trockenes Meer und fühlte mich auch so. In der Biebel stand aber nicht, dass so ein sandiger Grund nur schwer zu begehen ist. Aber die hatten ja die Ägypter im Nacken und ich bloß die verlorene Zeit. Am andern Ufer angekommen, dachte ich, jetzt nur noch die 100 m Höhenunterschied querfeldein hochstiefeln und schon biste wieder auf dem rechten Pfad. Laut Karte, hätte ich zwischen zwei Sumpffeldern hindurch gekonnt. Aber die Sümpfe halten wohl nix von Topografie und schlossen sich zu einem großen Ganzen zusammen. Völlig platt und ausgelaugt kam ich bei Km 7 auf dem Pfad an, hatte aber schon 12 km auf dem Tacho und es war schon 14 uhr durch. Weitere 12 km würde ich unter schweren Bedingungen nicht mehr schaffen und so suchte ich mir ab Km 10 einen geeigneten Platz zum Zelten und wurde auch fündig in der Nähe eines Baches, wo ich wenigstens mit Wasser versorgt war. Ich machte mir noch eine Packung Tur Mat warm, brauner Labskaus. Ich kann das Zeugs nicht mehr sehen, aber ich brauch diese Kalorienbomben um den nächsten Tag zu überstehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Frühstück. Ich mochte früher Haferflocken sehr gerne, aber jeden morgen mit Milchpulver und Wasser angerührt würge ich das Zeugs nur so runter. Wer mich kennt weiß dass ich gerne esse und auch alles außer Rote Beete, doch nie hätt ich mir träumen lassen, dass ich mal essen muss! Also rein mit dem Labskaus, schütte noch nen löslichen Kaffee hinterher und ab in den Schlafsack. Nein! Nicht das Essen! Ich natürlich.

Ich mach mal ein Bild von der Karte, auf der es aussieht als wär ich übers Wasser gewandelt.

gelbe Linie tatsächlich gegangen, lila Linie der eigentliche Wanderweg, gestrichelte Linie wäre der Wiedereinstieg gewesen ohne Verlust.

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